Tschechien: Per Rad von Bad zu Bad

Radeln ganz mondän von Kurort zu Kurort

17.12.2008 Judith Weibrecht

Westböhmisches Bäderdreieck wird die Gegend genannt. Per Fahrrad wird sie zum Bäderviereck: Franzensbad, Karlsbad, Konstantinsbad, Marienbad heißen die Koordinatenpunkte.

Die Etappen zwischen den Kurorten betragen um die 50 km. Angekommen empfiehlt sich jeweils ein Tag Pause zwecks der Anwendungen für müde Radlermuskeln. Außerdem bleibt so Zeit für Besichtigungen und Bäder-Architektur. Viele Künstler haben diese Orte in höchsten Tönen gepriesen. Doch loben muss man auch die Radwege, die die Kurorte verbinden. Mithilfe der Karten von SHOCart findet man sie leicht. Außerdem hilft die geniale Beschilderung: schwarze Nummerierung auf gelbem Grund. Man braucht sich nur die Nummer des Ortes zu merken, in dessen Richtung man fahren will.

Franzensbad leuchtet in Schönbrunner Gelb mit weißen Stuckauflagen in der Sonne. Der Glanz alter Zeiten soll wieder erstrahlen. Zwischen Kolonnaden und Pavillons ergeht man sich an den Quellen. Das Gesellschaftshaus ist sicher das beeindruckendste Haus des Ortes. In seinem Inneren befinden sich das Casino und das Goethe-Restaurant, unter dessen durchsichtigem Boden im größten Bodenaquarium Europas Koi-Karpfen schwimmen. Ein anderes Wasserbecken erfreut den Radfahrer mehr: Im Aquaforum kommen müde Muskeln wieder auf Touren, etliche Schwimmbecken mit Massagedüsen sorgen dafür.

Nach Karlsbad mit dem Fahrrad

Richtung Karlsbad geht es zunächst nach Chlum Svaté Marí und den Fluss Eger entlang nach Loket. Ein Highlight, das schon Goethe bezauberte. Unterhalb der imposanten Burg, die hoch oben auf einem Felsen thront, gruppieren sich kleine Lädchen und Restaurants in Pastellfarben gestrichenen Häusern um einen Platz. So idyllisch geht es weiter durch den Wald bis ins großstädtische, quirlige Karlsbad. Ein Kulturschock. Man ist einen Tag lang über böhmische Dörfer geradelt, kaum ein Mensch zu sehen, vereinzelte Gehöfte, viel Grün, eine Bierpinte am Wegesrand, in der es die Halbe Bier für 17 Kronen gibt (ca. 70 Cent).

In den Kurorten hingegen geht es mondän zu. Heutzutage treibt sich allerlei Volk darin herum, während sich zu Zeiten Goethes noch die Röcke bauschten und man flanierte. Goethe verfasste dort so manchen Reim, doch nun gibt es einen neuen: Becherovka sei die 13. Quelle. Man flaniert zwischen den korinthischen Säulen der Mühlbrunnenkolonnade, der gusseisernen Parkkolonnade und den diversen Pavillons. Dazu braucht der geneigte Kurgast eine Schnabeltasse mit Bäderlogo-Aufdruck, die er vor sich her trägt und wichtig damit herum schwenkt. Ab und an wird am köstlichen Quellwasser genippt (oder am Becherovka?). Fahrradfahrern empfiehlt man hier eine Hydropunktmassage im Spa des Hotel Krivan.

Auf tschechischen Radwegen Richtung Konstantinsbad

Solchermaßen gelockert geht’s über Hügel nach Becov nad Teplou, das neben einer Burg mit dem Reliquienschrein des Hl. Maurus und einem barocken Schloss auch ein Museum mit historischen Fahrrädern sein eigen nennen darf. Hinter Teplá. liegt das barocke Kloster Teplá mit romanisch-gotischer Hallenkirche und der zweitgrößten Bibliothek Böhmens. Nicht mehr weit ist es nun bis Konstantinsbad, das eher wie ein großer, ruhiger Park wirkt. Auf der Radetappe war es frisch, das geht auf die Lunge, und so empfiehlt man einen Besuch in der Salzhöhle im Kurhaus Prusík: 45 Minuten mit Musikuntermalung steigern die körperliche Ausdauer und entsprechen angeblich drei Tagen Urlaub am Meer. Auch die Leistungsfähigkeit will gesteigert werden, also steigen Radfahrer in die Nirostawanne und lassen sich ins Kohlensäurebad gleiten. Das weite die Blutgefäße, meint die Oberschwester. Gut so, die nächsten Hügel auf dem Weg nach Marienbad warten ja schon.

Nach Marienbad per Rad

Radweg 2206 führt nach Planá mit seinem Bergbaumuseum und weiter nach Chodová Planá, wo man sich durch die Chodovar-Brauerei führen lassen und Bier verkosten kann. Wem nach äußerer und innerer Anwendung ist, dem kann geholfen werden: Im brauereieigenen Hotel werden Bierbäder angeboten, währenddessen trinkt man Chodovar-Bier.

An den Kiosken wird oft klobása verkauft, Grillwurst. So auch in Marienbad, wo es auf den ersten Blick vornehmlich ums Shoppen geht. Taschen, Schuhe, Becherovka, Zigaretten vom Asia-Markt und natürlich Oblaten. Diese gibt es in Packungen oder angewärmt direkt auf die Hand. Auch oben im Kurzentrum neben der schmiedeeisernen Neuen Kolonnade und dem Kreuzbrunnen gibt es Kolonáda-Oblaten. Jede Menge Prunkstücke mondäner Bäderarchitektur, Pavillons und Kurbäder im Stile der Neorenaissance, des Neobarock oder Klassizismus zieren die Stadt. Hier verliebte sich Goethe glücklos in Ulrike von Letzow und schrieb seine „Marienbader Elegie“. Eine Elegie kann man auch auf das Mineralbad und das trockene Gasbad im Grandhotel Pacifik singen. Flugs wird man bis zum Bauch in einen Plastiksack gesteckt, der dann mit einer Art Gaspistole aufgeblasen wird. Das Bad im Wasser der hoteleigenen Mineralwasserquelle prickelt angenehm auf der Haut.

Die Radroute nach Franzensbad und die tschechische Sprache

Am nächsten Tag fährt man bestimmt noch einmal so schnell. Die letzte Etappe führt zunächst gemütlich nach Bad Königswart mit seinem Schloss, doch dann folgt ein saftiger Anstieg und 25 km durch Wald und Nichts. Ab Kynšperk nad Ohrí nähern man sich behutsam, dann hat Franzensbad einen wieder. Im Pavillon der Franzensquelle trinkt man Gesundheitswasser. Einen Schritt daneben streicheln Damen den Kleinen Franzl oder František und kichern verschämt. Franzl ist eine kleine Statue auf einer Kugel sitzend, der einen Fisch in Händen hält. Berührt man ihn, so wird man fruchtbar. Radler bevorzugen ein Kohlensäurebad im Kaiserbad und eine Aromamassage für den verspannten Rücken im Kurhotel Pawlik. Nebenan gibt es Beton zu trinken (Becherovka mit Tonic Water). Kostel bedeutet Kirche, aber Kozel (deutsch: Ziegenbock) ist eine Biermarke. Doch ein paar Worte Tschechisch öffnen alle Herzen: Bitte (prosím), danke (dekuju), guten Tag (dobrý den), und nicht zuletzt ahoj, das soviel wie hallo oder tschüs bedeutet, helfen aus fast jeder Verlegenheit. Ahoj sagen die Tschechen nicht zuletzt wegen der vielen Quellen hier. Der letzte Satz war ein Scherz. Der Rest nicht. Ahoj, Tschechien!

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